Wir freuen uns, dass Rendsburg zur Modellstadt des Projektes „Handlungs­leit­faden für Fußverkehrsstrategien (FVS)“ ausgewählt wurde und bieten hiermit erste Informationen zur Stadt:

sowie zu den durchgeführten und geplanten Projektaktivitäten:

Das Projekt zielt darauf ab, fußverkehrsrelevante Fragestellungen zu ermitteln und die Stadt damit in ihrem Vorhaben zu unterstützen, den Gesamtverkehrsplan aus dem Jahr 2002 (1) und das Klimaschutzteilkonzept aus dem Jahr 2016 (2) umzusetzen.

Kurzvorstellung der Stadt Rendsburg

Blick von der Obereider zur Altstadt (FUSS e.V., Herzog-Schlagk)

Die Stadt Rendsburg in der Mitte von Schleswig-Holstein hat 28.000 Einwohner, aber mit den benachbarten Städten und Gemeinden umfasst der „Lebens- und Wirtschaftsraum Rendsburg“ ca. 70.000 Einwohner. Rendsburg ist eine Stadt, die mal ein wenig anders mit der Welt verbunden ist als nur über den Anschluss an die Autobahn (A 7), nämlich über den Nord-Ostsee-Kanal.(3) Sie ist wohl die einzige Stadt im deutschen Binnenland mit einem richtigen Seehafen. Um den Hochseeschiffen, die mitten durch die kleine Stadt Rendsburg fahren, eine Durchfahrthöhe von 42 Meter bieten zu können, musste eine entsprechend hohe Eisenbahnbrücke gebaut werden. Da aber normale Bahnzüge nur eine höchstmögliche Steigung von 1:150 überwinden können, wurde die Brücke in einer elliptischen Schleife geführt und ist 4,5 Kilometer lang.(4) Dieses durchaus als gigantisch zu bezeichnende Bauwerk ist das Wahrzeichen der Stadt.

Aber nicht nur die Bahn muss die Barrierewirkung des Kanals überwinden, deshalb ist in die Hochbrücke eine Schwebefähre integriert, die 4 Meter über der Wasserfläche 7,5 Tonnen Zuladung transportieren kann. Aber vier Personenkraftwagen pro Beförderung reichen natürlich nicht aus. Deshalb wurde nach dem Abriss einer Drehbrücke im Juli 1961 ein Straßentunnel dem Verkehr übergeben. Der zusätzliche Fußgängertunnel wurde erst vier Jahre später eröffnet.

„Aber auch ein [weiterer] Landweg verbindet Rendsburg mit der Welt: Der Jakobsweg, mit 5200 Kilometern wohl der längste Fernpilgerweg und nebenbei auch noch der älteste, führt durch die Stadt. Die Via Jutlandica (der jütländische Weg) ist ein Teil davon und führt von Dänemark kommend bis zur Elbe. Der Streckenverlauf entspricht in weiten Teilen auch dem Ochsenweg (oder auch Heerweg), der im 19. Jahrhundert der zentrale Landweg zwischen Deutschland und Dänemark gewesen ist. […] Die Lage sowohl an der schiffbaren Eider als auch an einem Handelsweg führte zu der Entwicklung des Ortes.“

Die Stadtgründung wird etwa auf das Jahr 1150 datiert. Rensburg entwickelte sich ab dem 15. Jahrhundert immer mehr zu einer Handelsstadt und ab 1539 wurde der Ort „zu einem wichtigen militärischen Stützpunkt des dänischen Königs ausgebaut.“ Die Stadt erlebte viele Kriege, überstand aber den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet.(5) Deshalb verfügt Rendsburg über eine sehr ansehnliche Altstadt. Für die Gäste der Stadt gibt es die sogenannte „Blaue Linie“, eine 3,2 Kilometer lange Wegeführung mit 30 Hinweisen auf Kultureinrichtungen und Sehenswürdigkeiten, um die Stadt zu Fuß zu erkunden.(6)

Die Stadt Rendsburg hat lediglich einen Fußwegeanteil von ca. 24 % und der Lebens- und Wirtschaftsraum Rendsburg sogar nur von 21,3 %. Der Fußwegeanteil am Modalsplit liegt bei einer Distanz zwischen einem und drei Kilometern sogar nur noch bei 17 %, während 54 % solche kurzen Wege bereits mit dem Kraftfahrzeug zurücklegen.(7)

Mobilitäts-Konzepte für Rendsburg

Eisenbahnhochbrücke (FUSS e.V., Herzog-Schlagk)

Mit dem Gesamtverkehrsplan GVP Rensburg hat sich die Stadt eine „Sozialverträglichkeit“ zum Ziel gesetzt, „die allen Bevölkerungsgruppen unabhängig von der Pkw-Verfügbarkeit gleiche Teilnahmechancen am Verkehr ermöglichen soll. Benachteiligungen von Bevölkerungsgruppen ohne Auto sollen dabei abgebaut werden. Gleichzeitig soll die Umwelt- und Umfeldqualität gesteigert werden. Dies bedeutet, einen Beitrag zur Verminderung von Kraftfahrzeugverkehren zu leisten […] Diese Ziele sollen unter anderem mit der Ausweitung der Fußgängerzonen der Altstadt oder der Einrichtung von Überquerungshilfen […] erreicht werden“, womit wir uns nur auf den Fußverkehr konzentriert haben. „Hier sind Verbesserungen besonders hinsichtlich der trennenden Wirkung der Straßen mit hoher Verkehrsbelastung (Einbahnstraßenring um die Altstadt) und eine Befreiung der Fußwege durch unerwünschte Nutzungen (Beparken, Verstellen) wünschenswert.“(8) Der GVP bietet erste sehr konkrete Lösungsvorschläge für ausgesuchte Unfallschwerpunkte oder ungünstige Querungsanlagen an (z.B. zu kurze Grünzeiten oder zu lange Wartezeiten an Ampeln).(9)

Darüber hinaus hat der Kreis Rendsburg-Eckernförde ein Klimateilkonzept „Mobilität im Lebens- und Wirtschaftsraum Rendsburg“ erstellen lassen. In diesem sehr umfassenden Konzept wurde „Zufußgehen fördern: Öffentlichen Raum fußgängerfreundlich gestalten“ als Zielvorgabe sehr präsent aufgenommen.(10) Obwohl in diesem Konzept der Radverkehr gegenüber dem Fußverkehr stärker in den Vordergrund gesetzt wurde (11), sind bei den ausgewählten sieben „Maßnahmen im Kontext der qualifizierbaren Bewertungskriterien (CO2-Einsparungspotential, Kostenaufwand und Priorisierung…)“ der „Fußverkehrscheck“ und die „Radstation am Bhf. Rendsburg“ in die oberste Priorität gerutscht.(12) Dazu lässt sich allerdings anmerken, dass eine Radstation bereits eine konkrete Infrastrukturmaßnahme darstellt, während ein Fußverkehrscheck eine Situation analysiert und Hinweise auf mögliche Infrastrukturen gibt. Beides ist nicht miteinander vergleichbar, aber immerhin ist das Thema Fußverkehr damit als Klimaschutzmaßnahme um vorrangig eingestuft worden.

Für die Vorhaben von Rendsburg gibt es eine politische Rückendeckung durch die Landeshauptstadt Kiel und weitere maßgebliche Partner (Land S-H, IHK, NAH.SH). Die Stadt Kiel nimmt in Deutschland mit ihren Fußverkehrs-Programmen durchaus eine Vorreiterrolle ein, arbeitet derzeit ebenfalls an einem Leitfaden zur Förderung des Fußverkehrs und will bis zum Sommer 2017 einen Masterplan Mobilität mit Schwerpunkt Nahmobilität erstellen. Zudem hat sich die Stadt für die gesamte KielRegion als Modellstadt “Aktive Mobilität in städtischen Quartieren“ (ExWoSt) des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) und des Umweltbundesamtes (UBA) beworben und den Zuschlag bekommen.(13) Über den Zusammenhang mit dem Projekt „Handlungsleitfaden für Fußverkehrsstragien“ des FUSS e.V. siehe die Rubrik Projekt.

Projekt-Konzept für die Stadt Rendsburg

Fußgängertunnel (FUSS e.V., Herzog-Schlagk)

Inhaltliche Schwerpunkte des Fußverkehrschecks in der Stadt Rendsburg sollen nach der ersten Gesprächsrunde (PDF) in der Stadtverwaltung am 01. Februar 2017

  • die Barrierewirkung durch die Bahn und durch die Straßenführung entlang der Bahnlinie im Nordosten und am Stadtsee im Südwesten von der Altstadt sowie
  • die Nutzungsüberlagerungen durch den Fuß- und Radverkehr

sein. Um möglichst unterschiedliche Gegebenheiten zu erfassen, wurden für Drei Wege in die Altstadt (PDF) bereits Fußverkehrschecks als Mängelanalyse mit verschiedenen Lösungsansätzen und einem Fazit durchgeführt. Auszüge aus den Ergebnissen wurden bei einer zweiten Ortsbegehung mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Verwaltung, aus Verbänden und örtlichen Gremien diskutiert. Eine Protokoll-Zusammenfassung finden Sie unter 2. Fußverkehrscheck.

Darüber hinaus wünschte sich die Stadtverwaltung,

  • das Problembewusstsein zu schärfen, dass der Fußverkehr einen bedeutenden Wert für die Stadt hat, sowie
  • ganz allgemein das Interesse für die nachhaltigen Verkehrsarten zu wecken.

Hierzu war der gesprächsfördernde Workshop: Rendsburg – Wo stehen wir und wo wollen wir hin? (PDF) ein innovativer Baustein des Projektes.

Im Jahr 2017 sind weitere Schritte geplant.

Quellen:

  1. Der Gesamtverkehrsplan der Stadt Rendsburg (GVP) wurde „als grundsätzlicher Rahmen für die Verkehrsplanung der Stadt Rendsburg“ am 27. Juni 2002 beschlossen.
  2. Kreis Rendsburg-Eckernförde (Auftraggeber): Klimaschutzteilkonzept „Mobilität im Lebens- und Wirtschaftsraum Rendsburg“, Endbericht, Planersocietät - Stadtplanung, Verkehrsplanung, Kommunikation (Auftragnehmer), Bremen, März 2016
  3. Die Eröffnung des 98.637 Meter langen Kanals fand am 21. Juni 1895 statt und der Nord-Ostsee-Kanal ist auch heute noch die meistbefahrene künstliche Seeschifffahrtsstraße der Welt. Z.B. Klaus Alberts: Der Traum vom Nord-Ostsee-Kanal - Nationalsymbol des deutschen Kaiserreiches, Eine Geschichts-Reportage, Boyens Buchverlag GmbHCo.KG, 2.Auflage 2015
  4. Das damals größte Stahlbauwerk Europas hat über dem Nord-Ostsee-Kanal eine lichte Weite von 140 Metern, wurde vom Ingenieur Friedrich Voß konzipiert und wurde am 1. Oktober 1913 für den Verkehr freigegeben.
  5. Die Informationen (3) und (4) und die weiteren Zitate wurden entnommen aus Roland Pump: Rendsburg – Mit der Welt verbunden, Husum Druck- und Verlagsgesellschaft mbH u. Co.KG, Husum 2010
  6. Tourist-Information Rendsburg (Hrsg.): Die „Blaue Linie“, Altstadt und Stadtteil Neuwerk
  7. SrV 2013
  8. GVP 2002, Maßnahmen und Ziele, 3. Fahrrad und Fußverkehr, 3.1 Allgemeines, Teil II, S. 113
  9. GVP 2002, Teil II, S. 156-161 und Bild 3.24: Maßnahmen aus Öffentlichkeitsbeteiligung
  10. Klimaschutzteilkonzept 2016, 4. Zielkonzept, A. Umweltverbund stärken, Abbildung 32: Zielkonzept für das Klimaschutzteilkonzept Mobilität, S.55
  11. Klimaschutzteilkonzept 2016, 5.1 Annähern und Aufsteigen, S.59f
  12. Klimaschutzteilkonzept 2016, 6.3.1 Maßnahmenkatalog Themenfeld A - Annähern und Aufsteigen, S.92
  13. Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR): Experimenteller Wohnungs- und Städtebau (ExWoSt), Forschungsfeld Aktive Mobilität in städtischen Quartieren