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Wir freuen uns, dass Göttingen zur Modellstadt des Projektes „Bausteine für Fußverkehrsstrategien“ ausgewählt wurde und bieten an dieser Stelle erste Informationen zur Stadt:

sowie zu den geplanten und durchgeführten Projektaktivitäten:

 

Kurzvorstellung der Stadt

Markt und Altes Rathaus Göttingen
Markt mit Altem Rathaus und Gänselieselbrunnen (Foto: Bertram Weisshaar, FUSS e.V.)

Göttingen hat rund 134.000 Einwohner und liegt im Süden Niedersachsens. Die Stadt verfügt neben einem vielfältigen Angebot in den Bereichen Kultur, Geschichte und Wirtschaft auch über eine bedeutende Hochschul- und Forschungslandschaft. Die Universität Göttingen mit heute rund 30.000 Studierenden wurde bereits 1737 gegründet und bietet viele verschiedene wissenschaftliche Disziplinen an. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Göttingen um 953, ehe sie 1230 das Stadtrecht erlangt. Noch heute sind einige Sehenswürdigkeiten aus unterschiedlichen Epochen in der Stadt zu besuchen wie zum Beispiel das Alte Rathaus mit der aus dem späten 19.Jahrhundert stammenden Rathaushalle oder der Doppelflügelaltar in der Jacobikirche. Ein besonderes Wahrzeichen der Stadt ist das Göttinger Gänseliesel, eine Jugendstilfigur, der Doktoren nach ihrer bestandenen Prüfung traditionell einen Kuss auf ihre bronzene Wange geben.(1)

 

 

 

Heinz-Erhardt-Denkmal
Göttingen war in den späten 1950er Jahren Drehkulisse für Heinz Erhardts Film „Natürlich die Autofahrer“, in dem er einen Verkehrspolizisten spielt (Foto: Bertram Weisshaar, FUSS e.V.)

Angebunden ist Göttingen über die Bundesautobahnen A7 und A38 an die Großstädte Hamburg bzw. Halle (Saale) und Leipzig sowie über zahlreiche regionale und überregionale Bahnverbindungen. Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) wird in Göttingen weitestgehend über ein Busnetz bestehend aus 28 Linien abgewickelt, wodurch täglich durchschnittlich rund 57.000 Fahrgäste befördert werden. Göttingen bezeichnet sich selbst als Radfahrerstadt: etwa 29 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner nutzen täglich das Fahrrad, einige sogar als primäres Verkehrsmittel. Die Stadt besitzt dabei ein ausgeschildertes Radroutennetz bestehend aus einem Radschnellweg und zahlreichen Fahrradstraßen. Auf der Website der Stadt gibt es zahlreiche Informationen für Radfahrende, aber auch über Angebote des öffentlichen Verkehrs und Car-Sharing.(2) Zudem veröffentlichte die Stadt erst kürzlich einen Radverkehrskonzept mit angeschlossenem Maßnahmenplan.(2)

Der MIV-Anteil am Modal Split hat seit 1999 (41 Prozent) abgenommen und reduzierte sich bis 2008 auf 34 Prozent, während der Fuß- und Radverkehr jeweils um etwa drei Prozent zunahmen. Der Fußwegeanteil am Modal Split liegt bei etwa 25 Prozent (Stand 2008). Dabei werden zumeist kurze Wege im Entfernungsbereich bis drei Kilometer zurückgelegt, die zum größten Teil aus Einkaufs- und Freizeitwegen bestehen. Zur Verbesserung des Fußverkehrs sind bereits zahlreiche Maßnahmen umgesetzt und auf den Weg gebracht.(3)

Aktuelle Mobilitäts-Konzepte

Fahrradweg am Göttingen Bahnhof
Abbild der Radverkehrsförderung in Göttingen: neue, breite Fahrradwege wie hier am Bahnhof (Foto: Bertram Weisshaar, FUSS e.V.)

Im Klimaplan Verkehr der Stadt Göttingen wird das Ziel verfolgt, bis zum Jahr 2050 einen CO2-neutralen Verkehr in der Stadt zu erreichen. Dieser beinhaltet Strategien und Maßnahmen für eine stadtverträgliche Verkehrsentwicklung und soll insbesondere den emissionsarmen Nahverkehr fördern.(4) Verkehrsplanung in Göttingen ist nach den Zielen des Klimaschutzes ausgerichtet.“ Die übergeordnete Zielstellung wurde im integrierten Gesamtkonzept „Klimaplan Verkehrsentwicklung“ 2014 festgeschrieben und durch weitere Rahmen- und Fachpläne ergänzt. Zur hundertprozentigen Reduktion von CO2 wird eine Stärkung des Umweltverbundes angestrebt, zulasten des motorisierten Individualverkehrs.(5) Im Jahr 2015 wurde im Rahmen des „Klimaplans Verkehrsentwicklung“ unter anderem ein Planungskonzept für den Fußgängerverkehr entwickelt. Zentrale Bedeutung haben hier barrierefreie Fußwegeinfrastruktur und Nahmobilität im Quartier.(6)

Zudem wurde 2017 das Nahmobilitätskonzept für die Göttinger Südstadt beschlossen und befindet sich gerade in der Umsetzungsphase. Das Initialprojekt aus dem Klimaplan Verkehrsentwicklung soll die Göttinger Südstadt „durch Verbesserung der wichtigsten Fuß- und Radwegebeziehungen aufwerten und die dortige Lebensqualität verbessern.“ Die Erkenntnisse und Maßnahmen sollen hierbei auch auf andere Stadtteile übertragbar sein.(7) Ergänzend dazu veröffentlichte die Stadt Göttingen erst kürzlich ein Radverkehrskonzept mit angeschlossenem Maßnahmenplan.(2) Bereits 2013 wurde die Fortschreibung des Nahverkehrsplan, zur Förderung des öffentlichen Personennahverkehrs, für weitere fünf Jahre beschlossen. Ein aktueller Nahverkehrsplan 2018-2022 wird derzeit von der Stadt ausgearbeitet.(8)

Fußverkehr in den konzeptionellen Planungen für Göttingen

Kornmarkt in Göttingen
Der Kornmarkt: Wichtige Nord-Süd-Wegebeziehung und Fußgängerzone (Foto: Bertram Weisshaar, FUSS e.V.)

Die strategische Weiterentwicklung und Förderung des Fußverkehrs ist ein wichtiger Bestandteil der Verkehrsentwicklungsplanung der Stadt Göttingen.(6) Auch wenn es bisher kein separates Fußverkehrskonzept für die Stadt gibt, findet dieser in anderen Fachkonzepten Berücksichtigung und wird durch diese geschützt oder gestärkt. In den Leitlinien des Radverkehrsplans ist beispielsweise festgehalten, dass „[d]ie privilegierte Stellung des Fußverkehrs [...] nicht infrage gestellt [wird]", auch wenn der „Radverkehr […] in der Innenstadt 'seiner Platz' finden [muss]“.(3)

Der Klimaplan Verkehrsentwicklung basiert auf einer individuellen Betrachtung der einzelnen Verkehrsarten. Zur Weiterentwicklung des Fußverkehrs wurde eine umfassende Bestandsanalyse durchgeführt und aktuelle Defizite im Straßenraum aufgezeigt, u.a. unzureichende Querungsmöglichkeiten, unattraktive Fußverkehrsanlagen und Nutzungskonflikte mit anderen Verkehrsarten . „Als räumliche Handlungsschwerpunkte des Fußgängerverkehrs werden für die Innenstadt sowie die Wallanlage weitergehende Empfehlungen gegeben.(4)“ Eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität soll in der Innenstadt zum Beispiel durch Sitzgelegenheiten sowie die Einrichtung öffentlicher, barrierefrei zugänglicher Toiletten geschehen. Als Maßnahme im integrierten Gesamtkonzept wurde u.a. auch die Umsetzung der Standards einer barrierefreien Fußverkehrsinfrastruktur aufgeführt.(9)

Straße Am Leinekanal in Göttingen
Gehwege im Bestand sind zum Teil sehr schmal wie in der Straße Am Leinekanal (Foto: Bertram Weisshaar, FUSS e.V.)

Laut der Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen und der Empfehlung für Fußgängerverkehrsanlagen sind Gehwegmindestbreiten von 2,50 Meter vorgeschrieben (10 & 11), dennoch sind im Bestand Breiten unter 1,50 Meter vorzufinden.(12) Weiterhin werden Gehwege durch andere Verkehrsteilnehmer*innen mitbenutzt, wodurch die Nutzbarkeit weiterhin eingeschränkt wird.(13) Vielerorts teilen sich der Rad- und Fußverkehr eine Verkehrsfläche, was bei hohen Verkehrsstärken ein Konfliktpotential mit sich führt. Weitere Einschränkungen entstehen durch illegal abgestellter Fahrzeuge in innerstädtischen Quartieren aber auch Wohngegenden mit hoher Parkraumnachfrage. An mehreren Lichtsignalanlagen sind die Freigabezeiten zu gering, um das Queren beider Fußgängerfurten zu ermöglichen. Das Fehlen abgesenkter Bordsteine, die unzureichende Oberflächenqualität im Seitenraum und planfreie Straßenüberquerungen stellen gerade für mobilitätseingeschränkte Personen eine Herausforderung dar. (12) Die Polizei erfasst in Göttingen jährlich etwa 60 Verkehrsunfälle mit Beteiligung von Fußgänger*innen. Insgesamt lassen sich aber nur wenige Unfallhäufungsstellen identifizieren, da die Unfälle über die Stadt verteilt stattfanden.(14)

 

Goetheallee in Göttingen
Wichtige Wegebeziehung vom Bahnhof in die Innenstadt: die Goetheallee, mit Gastronomie und breiten Gehwegen (Foto: Bertram Weisshaar, FUSS e.V.)

Im Klimaplan Verkehrsentwicklung ist ein Planungskonzept des Fußgängerverkehrs festgehalten. Der Fokus liegt dabei zunächst auf der Beseitigung der bekannten Mängel. Bei der Umgestaltung sollen die Anforderungen gängiger Regelwerke wie Empfehlungen für Fußverkehrsanlagen (EFA) und Hinweise für barrierefreie Verkehrsanlagen (H BVA) eingehalten werden. Dazu gehört das Einhalten der Gehwegmindestbreiten von 2,50 Meter. Um die Konflikte zwischen dem Rad- und Fußverkehr zu verringern, soll auf gemeinsame Geh- und Radwege verzichtet werden. Weiterhin ermöglicht das Abschaffen von Gehwegparken eine größere Fußverkehrsfläche. Besonders für mobilitätseingeschränkte Personen soll eine glatte Oberfläche, das Anbringen taktiler Leitstreifen und maximale Querneigungen von zwei Prozent die Attraktivität des Fußverkehrs steigern. Das Absenken der Bordsteine an allen Knotenpunkten sowie das Verlängern der Freigabezeit an Lichtsignalanlagen sollen das Queren beider Furten innerhalb einer Phase ermöglichen. Zuletzt soll die Aufenthaltsqualität durch Verweilmöglichkeiten erhöht werden.(15)

Das Nahmobilitätskonzept für die Göttinger Südstadt beschäftigt sich mit dem Ziel, die Stärkung des Fuß- und Radverkehrs sowie die Aufenthaltsqualität in öffentlichen Räumen zu verbessern. In dem umfassenden Handlungskonzept ist der Fußverkehr und der Abbau von Barrieren und Angsträumen als ein thematischer Schwerpunkt festgelegt. Der entwickelte Maßnahmenkatalog zur Förderung des Fußverkehrs basiert auf folgenden drei Grundlagen:

Eine besonders hohe Priorität wurde den Maßnahmen zur Reduzierung des Gehwegparkens (Kfz), zum (Um-)Bau von Zebrastreifen und Mittelinseln sowie zum Bau von Gehwegvorstreckungen zugeordnet. Die Umsetzung erfolgt unter Beteiligung von Verbänden, Interessenvertretungen und der Bevölkerung vor Ort.(7)

Das Göttinger Doppel-Zebra

Zebrastreifen mit parallel geführter Radspur in der Goetheallee in Göttingen
Kein klassisches „Doppel-Zebra“, aber dasselbe Prinzip: die Radspur wird gemeinsam mit dem Fußgängerüberweg über die Fahrbahn geführt (Foto: Bertram Weisshaar, FUSS e.V.)

Eine Besonderheit im Fuß- und Radverkehr stellen die sogenannten Göttinger Doppel-Zebras dar. Darunter wird eine separate Radverkehrsfurt verstanden, die in Fußgängerüberwegen mittig integriert ist. Ziel ist eine bessere Überquerbarkeit von Hauptnetzstraßen für den Radverkehr und somit eine Erhöhung der Verkehrssicherheit. Im Jahr 2000 wurde die Lösung erstmals erarbeitet und umgesetzt.(16) Das Göttinger Doppelzebra entlang von Vorfahrtstraßen über Einmündungen erlebt eine durchweg positive Resonanz der Verkehrsteilnehmenden und führt sowohl zu einer Steigerung der Verkehrssicherheit als auch zu einer Reduzierung von Nutzungskonflikten zwischen dem Fuß- und Radverkehr.(17)

Seit 2004 wurden erstmals Doppel-Zebras bei Fußgängerüberwegen an Hauptverkehrsstraßen außerhalb von Knotenpunkten umgesetzt.(16) Eine integrierte Bevorrechtigung des Radverkehrs in einen Fußgängerüberweg zur Querung einer (Hauptverkehrs-)Straße wurde jedoch für nicht zulässig erklärt. Hierfür sprechen neben der straßenverkehrsrechtlichen Unzulässigkeit auch die Unfallanlayse. „Erst mit einer Änderung der StVO und umfassenden Kommunikationsmaßnahmen sollten weitere Einsatzmöglichkeiten geprüft werden.“(17)

Projektverlauf

Öffentlicher Fußverkehrs-Check in Göttingen
Öffentlicher Fußverkehrs-Check in Göttingen

An dieser Stelle möchten wir Sie über den Projektverlauf in der Stadt Göttingen informieren und auf dem Laufenden halten.

Die Projektaktivitäten in Göttingen haben am 20. November 2018 mit einem Vorgespräch bei der Stadtverwaltung und anschließendem Rundgang durch die Stadt begonnen. Das Protokoll können Sie hier als PDF herunterladen. Des Weiteren fand am 28. März 2019 ein Fußverkehrsstrategie-Workshop mit Stadtverwaltung, Verbänden und Interessenvertretungen statt. Außerdem haben wir in derselben Woche einen Fach-Fußverkehrs-Check durchgeführet. Am 18. Juni 2019 fand ein öffentlicher Fußverkehrs-Check statt. In der NDR-Sendung "Hallo Niedersachsen" vom 18.06.2019 und im Göttinger Tageblatt wurde darüber berichtet.
Die Ergebnisse der Fußverkehrs-Checks werden derzeit ausgewertet und demnächst an dieser Stelle für Sie bereitgestellt.
Das Abschlussgespräch mit der Stadtverwaltung ist im ersten Quartal 2020 geplant.

Stand: 02.12.2019

 

Quellen

  1. Website der Stadt Göttingen, abgerufen am 02.08.2018 unter: https://www.goettingen.de
  2. Daten, Fakten, Zahlen 2018 der Stadt Göttingen, abgerufen am 02.08.2018 unter: https://www.goettingen.de/leben/goettingen-ueberblick/stadtportrait.html
  3. LK Argus (2014): Klimaplan Verkehrsentwicklung der Stadt Göttingen. Fortschreibung VEP. abgerufen am 05.09.2019 unter: https://www.goettingen.de/pics/medien/1_1506076238/Bericht_Klimaplan_Verkehrsentwicklung_Goetting_30_01_2015.pdf, S. 6ff
  4. Ebd., S. 1f
  5. Website der Stadt Göttingen, Pläne und Konzepte Verkehr, abgerufen am 29.01.2019 unter: https://www.goettingen.de/rathaus/konzepte/verkehr.html
  6. Schreiben der Stadt Göttingen, vom 26.07.2016
  7. Stadt Göttingen (2017): Nahmobilitätskonzept für die Göttinger Südstadt, S. 4ff
  8. Website der Stadt Göttingen, Nahverkehrsplan, abgerufen am 29.01.2019 unter: https://www.goettingen.de/rathaus/konzepte/verkehr/nahverkehrsplan.html
  9. Stadt Göttingen (2017): Radverkehrsentwicklungsplan, S. 16
  10. FGSV 2006: Richtlinie für die Anlage von Stadtstraßen, S. 81
  11. FGSV 2002: Empfehlung für Fußgängeranlagen, S. 16
  12. LK Argus (2014): Klimaplan Verkehrsentwicklung der Stadt Göttingen. Fortschreibung VEP. abgerufen am 05.09.2019 unter: https://www.goettingen.de/pics/medien/1_1506076238/Bericht_Klimaplan_Verkehrsentwicklung_Goetting_30_01_2015.pdf, S. 12f
  13. Ebd., S. 8f
  14. Ebd., S. 15f
  15. LK Argus (2014): Klimaplan Verkehrsentwicklung der Stadt Göttingen. Fortschreibung VEP. abgerufen am 05.09.2019 unter: https://www.goettingen.de/pics/medien/1_1506076238/Bericht_Klimaplan_Verkehrsentwicklung_Goetting_30_01_2015.pdf, S. 97f
  16. Webseite Portals Nationaler Radverkehrsplan Göttingen, Radfahrgerechte Fußgängerüberwege. Das Göttinger „Doppel-Zebra“, abgerufen am 30.01.2019 unter: https://nationaler-radverkehrsplan.de/de/praxis/das-goettinger-doppel-zebra
  17. Stadt Göttingen (2017): Radverkehrsentwicklungsplan, S. 63